(Besonderen Dank an die Mitglieder von www.blue-semiramis.de! Bilder: A. Napp, wenn nicht anders vermerkt.)

 

Nach der altägyptischen Auffassung ist im Grunde allein der Pharao legitimiert zum Vollzug des Götterkultes, da er als göttlich-menschliche Einheit, bzw. Sohn Amun-Ras betrachtet wurde. Im Neuen Reich fungierte Amun aus diesem Grund - der göttlichen Vaterschaft für den Königssohn - als Reichsgott. In der Praxis delegierte der König seine religiösen Pflichten bis auf wenige besonders wichtige Ausnahmen an Priester als Stellvertreter. Die Aufrechterhaltung des Kultes wurde als grundlegend für den Bestand der Ordnung und das Wohlergehen der Menschen angesehen. Neben diesem eher rechtlichen, staatstragenden Verhältnis zu den Göttern sind aber auch Äußerungen persönlicher Frömmigkeit in Texten überliefert.

Ancient Egypt Priests

König Amenemhat III. im Priesterornat mit Leopardenfell (Fayoum, heute Ägyptisches Museum Kairo, Bild: Berühmte Museen: Ägyptisches Museum Kairo, 1969, S. 68)

Tägliche Tempelrituale

Der tägliche Gottesdienst im Tempel ist auf das dort im Allerheiligsten befindliche Kultbild konzentriert, dem der jeweilige Gott/die Göttin durch das Rituals einwohnte. Als Schöpfer der Kultbilder galt Gott Ptah, der ja auch den Menschen geformt habe:

"(Ptah) schuf die Götter, machte die Städte, (...) setzte die Götter auf ihre Kultstätten, setzte die Opfereinkünfte fest, gründete ihre Kapellen, machte ihren Leib so, wie sie es wünschten. Und so traten die Götter ein in ihren Leib aus (...) Holz (...) Ton und allerlei anderen Dingen." (Aus der memphitischen Theologie, Übersetzung nach Assmann, Ägyptische Geheimnisse, 2004, S. 127)

Durch dessen Anwesenheit wurde der Tempel ganz praktisch zur zeitweiligen Wohnstätte des jeweiligen Gottes, und wie einer hochstehenden Person wurde dem Gott in morgendlichem und abendlichen Ritual mit Reinigungszeremonien und Speiseopfern gedient. Meistens befand sich das Götterbild in einem eigenen Schrein hinter verschlossenen Türen, nur in wenigen Fällen stand es in Nischen, und der gesamte Tempelbereich galt als 'Schrein' (Abydos, Osiristempel). Der Boden im Allerheiligsten war mit Sand bestreut. Die für den Kult notwendigen Gerätschaften waren in Kapellen in der Nähe des Allerheiligsten untergebracht.

Isis-Schrein aus ptolemäischer Zeit, 2. Jh. v. Chr., heute London, British Museum (Photo: F. Wallis Budge, Egyptian Collection, Tafel I)

Der Ablauf des täglichen Kultes ist seit dem Neuen Reich belegt (Reliefs in Karnak, in den Kapellen des Osiristempels von Abydos, Reliefs in Dendera und Edfu, sowie mehrere Papyrushandschriften) und kann von da ab bis in die Endphase der altägyptischen Religion verfolgt werden, ohne das große Änderungen stattfanden. Sämtliche Götterbilder waren mit wechselbarer Kleidung und Schmuck bestückt - nicht anders, als man übrigens noch heute bei wundertägigen Marienstatuen oder Kruzifixen in Katholischen Wallfahrtsorten beobachten kann. Auf den Abbildungen des direkten Gottesdienstes ist stets der Pharao bei der Verrichtung des Kultes zu sehen, nie ein Priester, da diese nur die Stellvertreter waren!

Die der Liturgie zugrunde liegenden Texte waren zum Teil sehr alt und wurden über die Jahrhunderte, bzw. Jahrtausende akribisch überliefert - die einzelnen Ritualtexte galten als heilig und unveränderlich; es durfte nichts hinzugefügt oder weggelassen werden. Dies führte schließlich, genau wie in der Geschichte der Katholischen Kirche, zu einem Bruch zwischen Kultsprache und Alltagssprache. Zur Amarnazeit hatte sich diese Trennung wahrscheinlich vollzogen. Die Priester mussten also nicht nur die entsprechenden notwendigen Schriften für den Kult lernen, sondern auch die alte Sprache. (Assmann, Ägyptische Geheimnisse, 2004, S. 162)

Anbetung ( Bronzefigur 26. Dyn., Athen, Nationales Archäologisches Museum, Bild: Mendoza, B.: Bronze Priests of Ancient Egypt from the Middle Kingdom to the Graeco-Roman Period, 2008, S. 258) Knieender Priester (Saitenzeit) Anbetung (Bronzefigur 18. Dyn., Paris, Louvre, Bild: Mendoza, B.: Bronze Priests of Ancient Egypt from the Middle Kingdom to the Graeco-Roman Period, 2008, S. 221)

 

1. Morgenritual, bei Sonnenaufgang:

  • Auffüllen der Libationsgefäße im Tempelbrunnen, Weihe der bereitliegenden Speiseopfer, Reinigung des Allerheiligsten mit Weihrauch
  • Öffnung des Siegels an den Türen des Gottesschreins und Öffnung der Türen
  • "Enthüllung" der Gottheit = Erwachen des Gottes am Morgen; der Priester wirft sich auf dem Boden, um seine Verehrung und Demut zu bezeugen
  • Lobpreis der Gottheit mit Hymnen und Opfer von Weihrauch und Duftöl, sowie eine die Ma'at symbolisierende Figur
    Opfer der Maat an Gott Min (Karnak, Amuntempel, Säulenhalle) Priester beim Opfer (London, British Museum)
    • Herausnehmen des Bildes aus dem Schrein, Reinigung des Schreines
    • Umarmen des Götterbildes, anschließend Säuberung von den Salben und Schminken des Vortages, Lösen der 'Kleidung' und Reinigung des Bildes mit dem mitgebrachten Wasser
    • Neueinkleidung des Bildes und Anbringen der Schmuckinsignien (Halskragen, Armbänder, Szepter), Krönung
    • Salbung des Bildes mit 10 verschiedenen Ölen und Schminken, Umlegen eines festlichen Zeremonialmantels.
    • Abschließende Reinigung des Götterbildes mit Weihrauch, Wasserbesprengung und Natron und Zurückstellung in den Schrank

Priester mit Weihraucharm, 7./6. Jhd. v. Chr. (New York, Metropolitan Museum)

Salbung des Kultbildes (Pharao Seti I. vor Amun, Osiris-Tempel von Abydos)

Ancient Egypt Priests

Bekleidung des Kultbildes (Pharao Seti I. vor Amun, Osiris-Tempel von Abydos)

 

2. Opferbereitung:

Prozession mit Opfergaben (Berlin, Neues Museum)

Prozession mit Grabbeigaben; an der Spitze ein Priester mit Räucherarm und Kultgefäß, Mittleres Reich, zwischen 2010 und 1961 v. Chr., aus dem Grabvon Nomarch Djehutinakht (Bild: The Secrets of Tomb 10A (Ausstellungskatalog Boston Museum of Fine Arts), Boston 2009, S. 153)

Priesterprozession, Grab in Elephantine

Priester am Opfertisch, Opfertisch des Thoth-Priesters Tjaenhesret, Ptolemäerzeit (New York, Metropolitan Museum)

Opfertisch mit plastischen Opfergaben, Mittleres Reich (Hamburg, Museum für Völkerkunde)

Opfertisch mit symbolischen Opfergaben (Medinet Habu, Grabkapelle der Amenirdis, 8. Jh. v. Chr.)

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Opfertisch des Mentuemhat mit symbolischen Opfergaben, Zeit des Taharka, 7. Jh. v. Chr. (Turin, Ägyptisches Museum)

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Opferplatte des Nesmin, Ptolemäerzeit, um 300 v. Chr. (Hamburg, Museum für Völkerkunde)

Kultgefäß; re: Rekonstruktion, Altes Reich, 5. Dyn., um 2490 v. Chr. (Berlin, Neues Museum)

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Isispriester mit Kultgefäß, dass Nilwasser enthielt (Neapel, Archäologisches Museum, Quelle: E. A. Arslan, Iside. Il mito, il mistero, la magia, Mailand 1997)


Votivschale oder Schale zur Opferpräsentation, 25. o. 26. Dyn., um 670-650 v. Chr. (London, British Museum)

 

Ancient Egypt Priests

Reinigungszeremonie vor der Opferbereitung (Grab des Nefer-Ronpet, Tal der Noblen, 13. Jh. v. Chr.)

Darbringung von Blumen, Brot- und Taubenopfern (Berlin, Ägyptisches Museum)

Gebet vor Osiris um Annahme der Opfergaben Lotus und Wein (Theben-West, Grab des Ptahemheb im Tal der Noblen)

Weihrauchopfer vor Ptah (Turin, Ägyptisches Museum)
Darbringung von Tieropfern (Tempel von Medinet Habu, 13. Jh. v.Chr.) Darbringung eines Tieropfers, Weihrauch und Wein. (Tempel von Medinet Habu, 13. Jh. v.Chr.)

Darbringung von Tieropfern (Tempel von Medinet Habu, 13. Jh. v.Chr.)

Darbringung von Tieropfern (Tempel der Hatschepsut, 15. Jh. v. Chr.)

Auflegung von Weihrauchkörnern, Spätes Neues Reich (Pelizaeus-Museum Hildesheim)

Ancient Egypt Priests

Tjanefer, Priester der Hathor, mit Familienmitgliedern, vor dem Schrein der Hathor, frühe 19. Dyn. (New York, Metropolitan Museum)

3. Abendritual:

Aus dem Tempel von Edfu sind außerdem Ritualhandlungen zu jeder der 12 Tages- und Nachtstunden überliefert.

Das Ritual nach den Szenen an der Ostwand des Säulensaales in Karnak (Video von der UCLA, auf Englisch)

Priester mit Weihraucharm, Bestattungszeremonie, Totenbuch (London, British Museum) Weihraucharm, Pinzette und Weihrauchkörner (London, British Museum)

 

 

Nicht nur den "traditionellen" Göttern wurden Opfer und Gebete dargebracht, sondern auch vergöttlichten Pharaonen oder Verstorbenen in den jeweiligen Totentempeln und Schreinen. Wie die Götter in ihren Kultbildern in den Tempeln wohnten auch die vergöttlichten Verstorbenen mit ihrem "Ba" ihren Statuen in den Totentempeln ein. Für den Erhalt der dortigen Priesterschaft und des Kultes dienten Landstiftungen. Die meisten Totentempel im Neuen Reich waren Amun geweiht (Ausnahme: Setis I. Osiristempel in Abydos), und dem verstorbenen Pharao erst in zweiter Linie. Außerhalb der königlichen Familie wurden Grab und Totenkult von den Angehörigen gepflegt; in einigen Fällen beauftragte und entlohnte die Familie auch Priester für diesen Zweck.

Im Handwerkerdorf beim Tal der Könige, heute Deir-el-Medina, damals "Platz der Wahrheit" genannt, wurden der Gründer des Dorfes Pharao Amenhotep I. und dessen Gemahlin quasi als Lokalheilige und Schutzpatrone verehrt, die eigene Kultstätten und auch Festtage hatten. Auf vielen Begräbnisstelen und Statuen der Handwerker ist diese besondere Beziehung zu Amenhotep I. abzulesen.

Während des Totenkultes wurde die auf den Grabstelen (s. Beispiel unten mi.) stehende Opferformel rezitiert, Speise- und Trankopfer dargebracht. Die Familie versammelte sich regelmäßig in der Kapelle, zu der meist auch ein kleiner Garten gehörte, um ihren verstorbenen Angehörigen zu gedenken, für und an sie zu beten und in Fragen des täglichen Lebens Hilfe zu erlangen. Es existieren sogar an Verstorbene gerichtete Briefe, in denen um Vergünstigungen im Diesseits gebeten wird, bzw. der Verstorbene enttäuscht gefragt, warum er/sie nichts für die Hinterbliebenen täte.

Ancient Egypt Priests

Gebet an Amenhotep I., den Gründer und Schutzherrn von Deir-el-Medina (gefunden in Deir-el-Medina, heute: Turin, Ägyptisches Museum)

Eine Familie, darunter einige Priester-Söhne, beim Opfer für die verstorbenen Eltern, die links auf einem Thron sitzen, Grab des Maja (heute: Turin, Ägyptisches Museuem)

Ancient Egypt Priests

Opfer vor einer Statue von Amenhotep I. und seiner Gemahlin. Die Statuen stehen auf einer Tragevorrichtung, 12. / 11. Jh. v. Chr. (heute: Turin, Ägyptisches Museum)

Stele des Djedbastet, eines Wab-Priesters des Amun, mit einem Gebet vor Horus (New York, Metropolitan Museum)

Besprengung und Beweihräucherung der Opfergaben vor dem Verstorbenen (Totenbuch, Turin, Ägyptisches Museum)

 

 

Quellen:

Assmann, Jan: Ägyptische Geheimnisse, München 2004

Wilson, H.: Hieroglyphen lesen, München 2007

"Briefe an die Toten", in: Manley, B.: Die siebzig großen Geheimnisse des Alten Ägyptens, München 2003

 

Opfergaben für Gott Sobek

Strabon (63 v. Chr. - 23 n. Chr.) berichtet, wie Pilger Kuchen und Honigmet spenden und die Priester des Tempels dies an ein zahmes Krokodil verfüttern:

Die Stadt Arsinoe mit dem Krokodildienste.

Diesem Orte auf hundert Stadien vorbeischiffend erreicht man die Stadt Arsinoe, welche früher Stadt der Krokodile hiess; denn man ehrt in diesem Landgau vorzüglich den Krokodil, und ein in einem See besonders unterhaltener ist dem Volke sogar heilig, gegen die Priester aber zahm. Er heisst Suchos, und wird genährt mit Brod, Fleisch und Wein, welches die zum Beschauen kommenden Fremden immer mitbringen. Unser Gastwirth, einer der geehrtesten Männer zu Arsinoe, welcher uns die heiligen Dinge zeigte, ging mit uns zum See, von der Mahlzeit einen Kuchen, gebratenes Fleisch und ein Fläschchen Honigmeth mitnehmend. Wir fanden das Thier am Rande liegen. Die Priester gingen hinzu, zwei öffneten das Maul, der dritte steckte das Backwerk und dann das Fleisch hinein, worauf er das Honigmeth eingoss; das Thier aber sprang in den See, und schwamm zum jenseitigen Ufer. Als noch ein anderer der Fremden herzukam, welcher gleiche Opfergabe brachte, nahmen die Priester dieselbe, umgingen laufend den See, und reichten dem angetroffenen Krokodile das Mitgebrachte auf gleiche Weise.

(Strabon, Geographika, Buch 17 § 38, Quelle: http://www.chufu.de/Strabon/geographika.htm)

Festrituale

Weihrauchspende an den König. Dies war ein Zeichen der Feierlichkeit, aber auch der Vergöttlichung (Tempel von Medinet Habu, 13. Jh. v.Chr.)
Tauben werden freigelassen. Min-Fest (Tempel von Medinet Habu, 13. Jh. v.Chr.)
Die symbolische Ernte der ersten Garbe durch den Pharao (Tempel von Medinet Habu, 13. Jh. v.Chr.)
Blumenspende (Tempel von Medinet Habu, 13. Jh. v.Chr.)

Prozessionen

Prozessionen waren Teil des täglichen Kultes, aber auch diverser Feste. Clemens v. Alexandrien (um 150-215 n. Chr.) führt in einer seiner Schriften den Ablauf einer Prozession zu seiner Zeit auf:

An erster Stelle in dem feierlichen Aufzug schreitet der Sänger, der irgendein auf die Tonkunst hinweisendes Kennzeichen mit sich führt; dieser muß, wie man berichtet, zwei von den Büchern des Hermes seinem Gedächtnis eingeprägt haben, von denen das eine Götterhymnen, das zweite einen Rechenschaftsbericht über das Leben des Königs enthält.
Nach dem Sänger kommt der Horoskop (Astrologe), der als Kennzeichen der Sternkunde einen Stundenzeiger und einen Palmzweig in der Hand trägt. Dieser muß diejenigen von den Büchern des Hermes, die die Sternkunde behandeln, vier an der Zahl, auswendig kennen und stets im Munde führen. Von diesen Büchern handelt das erste von der Anordung der Fixsterne, das zweite von der Ordnung der Sonne, des Mondes und von den fünf Planeten, das dritte von den Konjunkionen und Lichtphasen der Sonne und des Mondes, das letzte von den Aufgangszeiten der Sterne.

Sodann kommt der Hierogrammateus (der heilige Schreiber), der auf dem Kopf Federn und in den Händen ein Buch und ein Kästchen hat, in dem sich die Tinte zum Schreiben und das Schreibrohr befindet. Dieser muß die sogenannten Hieroglyphenbücher kennen, die von der Welt-und Länderkunde, von der Landeskunde Ägyptens, von der Beschreibung des Nillaufes und von der Einrichtung der Tempel und der ihnen geweihten Ländereien und von den Maßen und von dem Tempelgerät handeln.
2. Dann folgt auf die Zuvorgenannten der Stolistes (der mit der Bekleidung der Götterstatuen beauftragte Priester), der die Elle der Gerechtigkeit und ein Opfergefäß trägt. Dieser kennt alle Bücher, die von der Erziehungskunst und von der sogenannten Moschosphragistik (der Prüfung und Kennzeichnung der Opfertiere) handeln. Es sind aber zehn Bücher, die sich auf die Verehrung ihrer Götter beziehen und die Lehre von den ägyptischen Religionsgebräuchen enthalten, wie z.B. die Lehre von den Opfern, den Erstlingen, den Hymnen, Gebeten, Prozessionen, Festen und von dem ähnlichen.

Nach allem kommt zuletzt der Prophet, der deutlich sichtbar das Wassergefäß in den Armen trägt, und ihm folgen diejenigen, die die zum Fortsenden bestimmten Brote tragen.
Der Prophet selbst aber lernt als der Vorsteher des Tempels die zehn sogenannten hieratischen Bücher auswendig; diese handeln von den Gesetzen, von den Göttern und von der ganzen priesterlichen Bildung. Denn der Prophet ist bei den Ägyptern auch der Aufseher über die Verteilung der Steuern (der oberste Steuerbeamte).

(Clemens von Alexandrien, Stromateis, Buch VI, Kap. IV, aus: Bibliothek der Kirchenväter (BKV online)

Manche Feste, wie die Feiertage zu Ehren des Osiris, wurden in ganz Ägypten gefeiert, andere lediglich an einzelnen Orten. Die Feierlichkeiten dauerten oft Tage, manchmal sogar Wochen. In Theben waren im Neuen Reich ungefähr 60 Feste im Kalender verzeichnet. Während der Neujahrszeremonien wurden die Götterbilder zum Beispiel vom Kultraum auf das Dach des jeweiligen Tempels getragen, wo eigene Kapellen für diese Feierlichkeiten errichtet worden waren.
Prozessionen der Götterbilder gab es auch zu den sogenannten "Geburtshäusern" der Tempel, in denen mit der Geburt des jeweiligen Gottes zusammenhängende Rituale stattfanden, die der Fruchtbarkeit im Land dienen sollten. Dies ist zum Beispiel aus dem Horustempel von Edfu überliefert.

Neujahrsprozession auf dem Aufgang zum Dach des Tempels (Horus-Tempel, Edfu, Ptolemäerzeit)

Prozession mit Blumengestecken und Sistren (Fresken-Faksimile, New York, Metropolitan Museum)

Ansonsten hatte jeder Gott/Tempel besondere Feste, die mit Prozessionen geehrt wurden. Zumeist wurden dabei die Gottheiten anderer Tempel besucht. Ihre Reise traten die Götterbilder in den häufigsten Fällen in Barken an, die auf Tragestangen gesetzt wurden. Tänzerinnen, Sängerinnen und Musikanten begleiteten die Prozession. Unterwegs wurden den Göttern Opfergaben gereicht. Die Zeremonialbarken mit den Götterschreinen wurden am Fluß auf ein richtiges Schiff geladen. Eine unter Ramses III. verwendete Festbarke war immerhin 67 Meter lang, wie ein Papyrus berichtet.

Barkenschrein im Tempel mit Barke und Opfergaben (Tempel Pharao Seti I., Westtheben)

Zu einer Festbarke des Amun gehörige Verzierungen, 26. Dyn. (New York, Metropolitan Museum)

 

Das "Heb-Nefer", das "Schöne Fest vom Wüstental"

Die Feier geht vermutlich auf das Mittlere Reich zurück. Sie fand im zweiten Monat der Erntezeit statt, bei Sommerbeginn, und führte ans westliche Ufer des Nils zu den Totentempeln, in denen die Barke, bzw. die Barken aufgestellt wurden.

Das "Opet"-Fest

Das Opet-Fest verband den Haupttempel Amuns in Karnak mit dem 1, 2 km südlich gelegenen Tempel von Luxor. Es wurde im zweiten Monat der Überschwemmungszeit begangen. Zur Zeit von Königin Hatschepsut reisten die Barke des Amun und die Königsbarke aus dem Sanktuar von Karnak durch den VIII. Pylon zum Tempel der Mut und ruhten zunächst im dortigen Barkenschrein. Dann ging die Prozession weiter zum Heiligen See des Mut-Tempels und dann zu Land mit einem Aufenthalt in einem Schrein auf halber Wegstrecke in den Tempel von Luxor. Die Rückreise erfolgte auf dem Nil direkt nach Karnak, wo die Amunbarke noch einen kurzen Besuch im Schrein Amenhoteps I. 'absolvierte', ehe sie in den Haupttempel zurück kehrte. Unter den Ramessiden reiste nicht nur die Amunbarke, sondern auch die der übrigen Mitglieder der Triade, Mut und Chons, sowie ein Königs- und ein Königinnenboot. Die Amunbarke wurde dabei an der Spitze getragen, bzw. fuhr an der Spitze. Durch den Großen Säulensaal ging es entweder direkt zum Fluß, oder aber durch den VII. bis X. Pylon und die Sphingenallee bis zum Heiligen See des Mut-Tempels, dann ging es auf dem Fluß weiter bis Luxor, dort zunächst in den Barkenschrein im vorderen Teil des Tempels, dann in den inneren Tempelbereich, die Amunbarke bis in das Sanktuar. Die Rückfahrt nach Karnak erfolgte auf dem Fluß; die Barken des Chons und der Mut kehrten in ihre jeweiligen Tempel zurück. Die ganze Feier dauerte in der Ramessidenzeit ungefähr einen Monat. Wahrscheinlich gehörte zu den Riten des Opet-Festes auch eine 'Heilige Hochzeit', die auf die göttliche Abkunft des Königs verweisen sollte. Auch die Krönungszeremonie wurde während des Opet-Festes wiederholt, was den Erneuerungscharakter der Zeremonien unterstreicht.

Quelle:

Wilkinson, R. H.: Die Welt der Tempel im Alten Ägypten, 2005.

Video mit dem Verlauf der Festrouten des Heb-Nefer und des Opet-Festes, nach einer Rekonstruktion der UCLA

Priester mit Straußenfederfächern bei der Prozession (Tempel von Medinet Habu, 13. Jh. v.Chr.)

Die Heiligen Schreine in Prozession (Tempel von Medinet Habu, 13. Jh. v.Chr.)

(Tempel von Medinet Habu, 13. Jh. v.Chr.)

Barkenprozession (Tempel von Medinet Habu, 13. Jh. v.Chr.)
 

Prozession der Amun-Barke (Ramesseum)

Barkenkapelle mit einer Rekonstruktion der Heiligen Barke und dem Götterschrein im Hintergrund (Horus-Tempel, Edfu)

Mysterienspiele

Für den Kult des Osiris sind seit dem Mittleren Reich Mysterienspiele überliefert, die die wichtigsten Stationen der Legende (Herrschaft des Osiris, Ermordung durch Seth, Suche der Isis, Wiedererweckung des Osiris, Rache an seinen Feinden) thematisieren.

Quellen:

Schäfer, H.: Die Mysterien des Osiris in Abydos, 1904.

Warnemünde, G.: Die Osiris-Mysterien von Abydos in Texten der 12. und 13. Dynastie, in: Kemet 4/2010.

Der frühchristliche Schriftsteller Laktantius gibt Zeugnis davon, dass auch zu seinen Lebzeiten, um das Jahr 300 n. Chr., noch Mysterienspiele zu Ehren des Osiris abgehalten wurden. Über eine genaue Kenntnis ägyptischer Religion verfügt er jedoch nicht, denn Osiris wird als Sohn der Isis bezeichnet:

Die Gebräuche beim Dienste der Isis stellen nichts anderes dar, als wie sie ihren kleinen Sohn, Osiris genannt, verloren und wieder gefunden hat. Zuerst scheren sich die Diener der Göttin an allen Gliedern die Haare ab, zerschlagen sich die Brust und suchen unter Jammer und Wehklagen nach dem Knaben, indem sie die Gemütsstimmung der Mutter nachahmen; dann wird der Knabe durch Cynocephalus (Anubis) gefunden und so die klagereiche Feier mit Fröhlichkeit beschlossen.

(Laktanz, Epitome divinarum institutionum, in: Des Lucius Caelius Firmianus Lactantius Schriften. Aus dem Lateinischen übersetzt von Aloys Hartl (Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Bd. 36) München 1919, für die BKV im Internet bearb. v. Rudolf Heumann)

Begräbniszeremonien

 

Priester auf einem Boot zu Begräbniszeremonien. Oben re: Opfer vor der Statue des Verstorbenen. Boote aus dem Grab des Meketre, 12. Dyn. (New York, Metropolitan Museum)

V. Rechts nach links: Vorlesepriester, Weihe der Opfergaben mit Weihrauch, Besprengung der Mumie mit Wasser. Ein Klageweib kniet vor der Mumie (Totenbuch, Turin, Ägyptisches Museum)
Transport der Grabbeigaben (Totenbuch, Turin, Ägyptisches Museum)
V. Rechts nach links: Opfer und Gebet vor Osiris, Isis und Nephtys, Gebet und Opfer vor Thot mit der Schreiberpalette. Gebet vor dem Götterschrein mit Apiskopf (Totenbuch, Turin, Ägyptisches Museum)

 

Der Vorlesepriester Idy (6. Dyn., um 2300 v. Chr.) ließ sich mit Miniaturausgaben der für den Kult benötigten Gefäße und Gegenstände bestatten.

Grabbeigaben aus dem Grab von Idy. Mi: Werkzeuge für die Mundöffnungszeremonie (London, British Museum)

Ancient Egypt Priests
Weihrauchspende durch den Sem-Priester vor der Mumie (Grab des Nakhtamun, 13. Jh. v. Chr.) Begräbnisprozession mit der Mumie auf einem Schlitten (Grab von Nefer-Ronpet, Tal der Noblen, 13. Jh. v. Chr.)

Sem-Priester bei der Besprengung des Verstorbenen mit Wasser, (Grab von Nefer-Ronpet, Tal der Noblen, 13. Jh. v. Chr.)

Weihrauch- und Wasseropfer vor den Verstorbenen, Grabrelief des Senesresu (verm. aus Memphis, heute: Ägyptisches Museum der Universität Leipzig, Neues Reich, 18. Dyn. ca. 16. - 15. Jh. v. Chr., Quelle: Krauspe, R. (Hrsg.): Das Ägyptische Museum der Universität Leipzig, Mainz 1997, Abb. 75)

 

Ancient Egypt Priests

Begräbnisprozession im Tempel von Memphis, 19. Dyn. um 1280 v. Chr. (Grabrelief aus Memphis, heute: Berlin, Neues Museum, Ägyptische Sammlungen)

Ermahnung eines Türstehers? Begräbnisprozession im Tempel von Memphis, 19. Dyn. um 1280 v. Chr. (Grabrelief aus Memphis, heute: Berlin, Neues Museum, Ägyptische Sammlungen)

 

 

Magie

Viele der Praktiken, die wir heute populär mit Magie assozieren, wie Voodoo-Wachspuppen zur Durchführung von Schadenszauber, können auch im Alten Ägypten gefunden werden. In der Altägyptischen Mythologie war Magie (heka) eine der Kräfte, die bei der Erschaffung der Welt genutzt worden war, und alle Gottheiten besaßen diese Kraft. Was wir heute - oft im Gegensatz zu einer Hochreligion - Magie nennen, war in den altägyptischen Tempeln Teil des täglichen Rituals, um das Wohlergehen des Pharaohs, seiner Familie, des Landes und die gesamte Weltordnung sicher zu stellen. In diese Kategorie fallen die nächtlichen Rituale zur Bezwingung von Apepi, den ewigen Feind des Sonnensgottes, und damit zur Gewährleistung eines neuen Tagesanbruchs. Ausgeübt wurde die Magie in der dynastischen Zeit offenbar sehr oft durch die Vorlesepriester, die durch ihre Lesefähigkeit und Zugang zu heiligen Texten bestens geeignet waren.

Für magische Handlungen kamen Ton- oder Wachsfiguren der Zielperson zum Einsatz, die mit ihrem Namen versehen werden mussten. Andere forderten das Zeichnen und anschließende Zerstören eines Bildes (im Sand oder auf Scherben). Im 144. Kapitel des Totenbuches findet sich beispielsweise die Anweisung, die magischen Bilder nach Ende des Rituals sorgfältig auszuwischen.

In volkstümlichen Erzählungen wird Priestern zugeschrieben, Wachstiere zum Leben zu erwecken, oder das Wasser eines Sees zum Zurückweichen zu bringen (Die weltberühmte Geschichte von Moses, der sein Volk durch das Rote Meer führt, hat hier ihren Ursprung)! Heilzauber war eine Spezialität der Sekhmetpriester. Dabei wurde die Magie nicht als alternative Heilmethode angesehen, sondern war Bestandteil der gesamten Therapie. Daher enthalten medizinische Papyri auch Zaubersprüche. Ebenso wie für den Verstorbenen auf seiner Reise in das Jenseits, die angefüllt war mit magischen Riten und Zaubersprüchen, um die zahlreichen Gefahren und gegnerischen Mächte erfolgreich zu meistern, war auch beim Heilzauber die Kenntnis des Namens des Dämons oder Gottes existentiell, um ihn zu besiegen und auszutreiben. Einige "Ausrüstungsgegenstände" von Magiern wurden ebenfalls gefunden, darunter auch Zauberstäbe mit Tierabbildern (Symbolen der Schutzgötter) oder in Schlangenform.

 

Meist kam die Magie als Heil- und Schutzzauber vor den Gefährdungen des Alltags zum Einsatz. Negative Magie wurde in der dynastischen Zeit benutzt, um Feinde der öffentlichen Ordnung - des Königs, des Landes - zu verfluchen. Dabei wurden die Namen der Feinde auf Tontafeln oder Ähnliches geschrieben, oder figürliche Repräsentationen (aus Wachs, Ton...) geschaffen, die dann unter Rezitation der entsprechenden Bannsprüche gewaltsam zerstört wurden. Diese Figürchen galten als wirksamer, wenn ihnen zum Beispiel ein Haar oder Ähnliches von dem anvisierten Opfer beigefügt wurde. Solche Tonfiguren wurden aus der Regierungszeit Pepis II. in der Gegend von Gizeh, und des Mittleren Reiches um die damalige Hauptstadt Memphis ausgegraben. Noch kurz vor der Ptolemäischen Periode finden Zauberpraktiken des Pharao zur Vernichtung der Feinde Ägyptens in der populären Erzählung von "König Nektanebos" Niederschlag, die später in die Literatur über Alexander den Großen einging. In der griechisch-römischen Zeit kam es zu einer Demokratisierung dieser Art Schadenszauber, und es finden sich vermehrt Fluch-Figürchen und Fluch-Papyri gewöhnlicher Leute gegen ihre ihnen in irgendeiner Weise Beschwernis bereitenden Mitmenschen. Erst in dieser Zeit werden auch Mumienteile zur Beschwörung übelwollender Totengeister erwähnt (Porphyrios, 3. Jh. n. Chr.), eine Praxis, die ihren Höhepunkt in den Schadenszauberritualen aus koptischer Zeit findet.

Quelle:

  • Assmann, Jan: Ägyptische Geheimnisse, München 2004, bes. S. 115-117.
  • Pinch, Geraldine: Magic in Ancient Egypt, (British Museum Press/University of Texas Press), 1994 (Artikel online)
  • Teeter, Emily: Religion and Ritual in Ancient Egypt, Cambridge 2011.

 

In der Amarnazeit

Unter der Herrschaft Pharao Echnatons gab es weder Kultbilder, noch Schreine oder geschlossene Tempel. Der Gottesdienst spielte sich an unter freiem Himmel gelegenen Altären ab.

Opfer an Aton, Amarnazeit (Quelle: E.Prisse d'Avennes: Atlas de l'art Egyptien, 1878)

Stele des Priesters Ptahmai mit Gebeten an Aton und Re-Harachte, 18. Dyn. (London, British Museum)

Priester bringen Aton Blumenopfer dar. Amarnaperiode

(Bild: Nofretete. Echnaton. Ausstellungskatalog des Ägyptischen Museums Berlin 1976. Aufbewahrungsort: Cairo, Egyptian Museum JE 47203, gefunden in Amarna).

Blumen- und Früchteopfer an Aton, 18. Dyn. (London, Petrie-Museum

Götter und Göttinnen in Hieroglyphen