Ägyptische Priester in der Hellenistischen, Römischen und Frühchristlichen Zeit

Die griechisch-römischen Isismysterien sind eine Erfindung der Griechen - wenn auch auf alten Wurzeln - und haben mit der altägyptischen Religion nicht mehr viel gemeinsam.

Der griechische Historiker und Geograph Strabon (um 63 v. Chr. - 23 n. Chr.) berichtet enttäuscht von seinem Besuch in Heliopolis, von der viel gerühmten Weisheit der Priester dort sei nicht mehr viel übrig, es gäbe dort nur noch "Opferbesorger und Erklärer der Tempelmerkwürdigkeiten". Besser ergeht es den Priestern in Theben am Amuntempel: (Geographika Buch 17, § 46): "Die dortigen Priester vorzüglich werden als Sternkundige und Weltweise gerühmt. Ihnen eigenthümlich ist es auch, die Tage nicht nach dem Monde zu berechnen, sondern nach der Sonne, indem sie den zwölf dreissigtägigen Monaten fünf Tage in jedem Jahre zusetzen, und zur Ausfüllung des ganzen Jahres, weil ein gewisser Theil des Tages überschiesst, einen Zeitkreis aus ganzen Tagen und aus so vielen ganzen Jahren bilden, als die überschüssigen Theile zusammengenommen einen Tag ausmachen. Alle Weisheit solcher Art leiten sie von Hermes ab."

Kirchenvater Clemens von Alexandrien (um 150-215 n. Chr.), der sonst für die heidnische Religion und ihren Kult kein gutes Wort übrig hat, spricht sich demhingegen bewundernd über den hohen Bildungsgrad der ägyptischen Priester aus. (Stromateis, Buch IV, Kap. 4).

Der neuplatonische Philosoph Porphyrius (3. Jh. n. Chr.) berichtet sogar von einem relativ asketischen Lebensstil zumindest einiger Mitglieder des ägyptischen Priesterstandes, die er als 'Philosophen' bezeichnet. Die Schilderung ihres Verhaltens und Auftretens sowie ihres Lebenswandels erinnert sehr an die späteren Beschreibungen christlicher Mönchsvorbilder. In seiner "Vita des Pythagoras", § 12, berichtet Porphyrius auch über die Ausbildung der Priester und vor allem ihre Unterweisung in den drei Schriftsystemen Demotisch, Hieroglyphisch und "Symbolisch", womit er eine besondere kryptographische Variante der Hieroglyphenschreibung meint, die sich ab der griechisch-römischen Zeit verbreitete.

In politischer und wirtschaftlicher Hinsicht hatte die ägyptische Priesterschaft ab dem Ende der Pharaonenherrschaft so gut wie jeglichen Einfluss verloren. Ein Großteil des Landbesitzes der Tempel wurde sekularisiert. Für ihre Dienste erhielten die Priester Gehälter. Unter Kaiser Hadrian (76 n. Chr. - 117 n. Chr.) wurde die Verwaltung der Priester unter einem "Hohepriester von Alexandria und ganz Ägypten" zentralisiert, der allerdings lediglich ein kaiserlicher Beamter und Römer war. Um so stärker manifestierte sich aber das Elitedenken der ägyptischen Priesterschaft, wurden die Reinheitsgebote und die Ausbildung intensiviert und vor allem das hieroglyphische Schriftsystem zu einem umfangreichen, im Grunde nur mehr hoch spezialisierten und "in die Geheimnisse eingeweihten" Priestern kultiviert. Unter römischer Herrschaft waren die Priester von körperlicher Arbeit befreit, mussten aber Steuern zahlen. Auch das Tempelland wurde besteuert.

Ab dem 2. Jahrhundert intensiviert sich das literarische und kulturelle Interesse der paganen römischen Welt an Ägypten, insbesondere an der Religion und deren offensichtlich für die Römer beeindruckenden magischen Element. Kontakt mit ägyptischen Kulten und der ägyptischen Götterwelt vollzog sich hauptsächlich in der Form des hellenisierten Isiskultes, der sich im gesamten Imperium verbreitete. Gemeinsam mit Isis zogen Serapis, Harpokrates/Horus und Anubis ein in das römische Religionsinteresse, und ab Kaiser Caligula in den römischen Staatskult.

In der Literatur tauchen mehrere "ägyptische Magierpriester" in ihrer typischen weißen Leinentracht auf, die mit ihren Künsten die Umgebung in Staunen versetzen. Bei Lukian belebt der Protagonist sogar unbelebte Gegenstände à la "Der Zauberlehrling" und besänftigt wilde Tiere, ein Topos, der später in christlichen Heiligenlegenden wieder auftaucht. In den meisten Fällen verwenden die "Magierpriester" ihr Können zum Wohle der Menschen und werden als heiligmäßige Männer charakterisiert. Nur im griechischen "Fantasy"-Roman "Von den Wundern jenseits von Thule" ("Apista") ist die Priesterfigur der Antagonist, der sich mit Schadenzauber Macht und Reichtum erschleicht und einen bösartigen Fluch über die Protagonisten verhängt. Memphis und seine unterirdischen Kammern sind in zahlreichen überlieferten Texten als DER Platz zur Initiation in die große ägyptische Magie genannt, so zum Beispiel bei Kirchenvater Hieronymus (Vita Hilarionis, § 21, Patrologia Latina 23, Sp. 0347-0420) und Cyprian von Antiochia - ebenfalls späterer Christ -, der behauptet, unter anderen in Memphis und Heliopolis zum Magier ausgebildet worden zu sein. In den unterirdischen Gefilden sei er Zeuge von allerlei schwarzer Magie mit Hilfe der Dämonen geworden, unter anderem "wie der Teufel half, fehlgeleiteten Menschen eine fremde Gestalt annehmen zu können, um so ihre Verbrechen verüben zu können".

Für die christlichen Kirchenväter bis ins 4. Jahrhundert dienen die Ägypter im Allgemeinen und ihre Priester im Besonderen als Beispiel für unsinnigen Aberglauben, beziehungsweise böswillige Täuschung der Gläubigen mit billigen Tricks oder bösartiger schwarzer Magie. Die lateinische Bibelübersetzung nennt die einheimischen Priester im Wettstreit mit Moses bezeichnend "malefici" - von bösen Neigungen getriebene Zauberer.

Auch in den magisch-alchemistischen Schriften des 3. und 4. Jahrhunderts, die vermutlich in Alexandria ihren Ursprung haben, wird Memphis zu einem Hort der Zauberei und der verborgenen Wissenschaften.

Quellen:

 

Die letzten Priester altägyptischer Kulte sind aus dem 6. Jh. bekannt...

Zunächst wurde das Christentum in Ägypten eher als Zeichen und Methode des Widerstands gegen die (noch heidnische) römische Staatsgewalt und den fernen Kaiser gesehen. Zahlreiche Berichte über öffentliche Zwangsopfer während der Christenverfolgungen sind gerade aus Ägypten erhalten, und es gab viele Märtyrer. Im Jahr 381 erklärte der Römische Kaiser Theodosius das Christentum zur Staatsreligion und untersagte alle heidnischen Kulte. Die Gläubigen wie auch die Priester gaben zum Teil nicht kampflos auf, wie die Eroberung des Serapistempels in Alexandria illustriert, der zum Schauplatz eines heftigen Bürgerkrieges wurde. Viele Familien pflegten ohne Zweifel insgeheim die alten Glaubensvorstellungen und Riten, und wurden dabei von ansässigen oder über das Land ziehenden ehemaligen Priestern unterstützt. Bei Entdeckung drohten ihnen allerdings schwere Strafen.

Ab dem späten 3. Jh. siedelten in Nubien und Oberägypten hauptsächlich zwei Volksgruppen, die Nubaden (ein nubischer Stamm) und die sogenannten Blemmyes, eingewandert aus den östlichen Wüstengebieten. Beide Stämme führten Krieg gegeneinander und Raubzüge in ägyptisches Territorium durch. Um dies zu unterbinden, zahlte das (ost-)römische Reich 'Schutzgelder' an beide Völker und erlaubte ihnen auch, den Isistempel auf Philae zu benutzen und den Kult zu zelebrieren. Im Jahr 452/3 (also 70 Jahre nach dem reichsweiten Verbot heidnischer Kulte) schrieb der Historiker Priskus, dass die 'Barbaren' (nicht-christianiserte Nubaden und Blemmyes) gemäß ihrer Tradition den Isistempel ungehindert betreten dürfen und die Statue von dort herausbringen. Sie bleibe dann einige Zeit in deren Land für weitere Riten und werde dann auf die Insel zurück gebracht. - Noch zu dieser Zeit befand sich also ein Isiskultbild auf Philae!

Im 6. Jh. ging die Rolle der Blemmyes zurück, und die Nubaden wurden allmählich christianisiert. Der Isiskult auf Philae bestand weiter, wenn auch in sehr engem Rahmen, offenbar aufrechterhalten von lokalen Priesterfamilien. Auf Philae gefundene Inschriften geben davon Zeugnis. Im Jahr 535 entschied Kaiser Justinian, dass dem ein Ende bereitet werden müsse. Der Historiker Prokopius beschreibt eine militärische Expedition zur Insel, den 'Abriss' des Tempels (gemeint war wohl nur die Zerstörung des Inneren Sanktuars, denn der Tempel zählt zu den am Besten erhaltenen!), die Gefangennahme der Priester und die Übersendung der Kultbilder nach Konstantinopel. Der Isistempel wurde zur Kirche St.-Stephanus geweiht.

Philae christian symbol

Isis-Tempel von Philae. Christliches Kreuz am Pylon.

Das letzte Wort in Punkto altägyptischer Kulte und ihrer Anhänger war aber noch nicht gesprochen. Jean Maspero entdeckte zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen Papyrus (P. Cair. Masp. I 67004), der sich mit einer Petition oberägyptischer Beamten an die byzantinische Staatsmacht wendet und zwischen 565 und 573 abgefasst wurde. In ihm ist die Rede von einem Mann, der als "Kannibale" bezeichnet wird, und der Mitglieder des Blemmyes-Stammes vom "rechten Pfad des Glaubens" abgebracht habe, alte Tempel restauriert und Schreine geweiht habe, die er mit "Dämonen und hölzernen Statuen" ausgestattet habe. Der Führer dieser Bewegung wird außerdem mit einigen Vorwürfen moralischer Natur bedacht, sowie der allgemeinen Aufruhr und der Verwüstung des Landes beschuldigt, wobei der Autor der Petition auf Metaphern aus dem Alten Testament und literarische Topoi zurück greift. Es ist schwer fest zu stellen, welche der Vorwürfe tatsächlich gerechtfertigt waren. Die Verknüpfung von Glaubensabfall mit moralisch verwerflichen Akten läßt sich durch das gesamte Mittelalter hindurch in Inquisitionsakten, Kreuzzugsberichten und literarischen Werken bis in die Frühe Neuzeit verfolgen. Glaubensabfall - Ketzerei war ein Majestätsverbrechen, und gegen Verdächtige wurde in einer Weise vorgegangen, die sie klar außerhalb der menschlichen Gesellschaft platzierte, um alle Mittel gegen sie einsetzen zu können. Was aus dem "Kannibalen" wurde, vermelden die Quellen leider nicht.

Nicht nur in Philae, auch im Amuntempel der Oase Siwa, der Berühmtheit seit dem Orakel für Alexander dem Großen erlangt hatte, scheint der Kultbetrieb erst im 6. Jh. erloschen zu sein. Das Christentum erreichte diesen entlegenen Platz möglicherweise auch gar nicht. Vielleicht verehrte man Amun hier, bis die Bewohner von Siwa im Mittelalter zum Islam zwangskonvertiert wurden.

Quellen: