(Photos wenn nicht anders vermerkt von A. Napp)

Tempel im Alten Ägypten

Älteste Zeugnisse

Die ältesten Kultstätten des Alten Ägyptens, von denen noch Überreste erhalten sind, sind die Tempel von Gizeh aus der 4. Dynastie und die Sonnentempel von Abu Gharab aus der 5. Dynastie. Eine Pyramidenanlage enthielt zwei Tempel: den Taltempel mit Zugang zum Nil, und den Pyramidentempel am Fuß der Pyramide selbst. Beide Bauwerke waren durch einen ummauerten Weg verbunden.

Zur Zeit des Königs Chephren (2520-2494 v. Chr.) hatte sich der Grundriß des königlichen Totentempels etabliert: auf eine Eingangshalle folgte ein Säulenhof, an den sich ein eingefriedetes Areal mit fünf Schreinen oder Nischen für die Statuen des Königs, für das Sanktuar und Vorratskammern anschloss. Inschriften und Reliefs finden sich zu dieser Zeit noch nicht an den Tempelwänden, ebensowenig wie in der Cheopspyramide.

Taltempel für König Chephren.

Die nur aus der 5. Dynastie bekannten Sonnentempel (rekonstruierbar ist jener König Niuserre, 2416-2388 v. Ch.) folgten einem ähnlichen Bauplan wie die Pyramidenanlagen. Sie besaßen einen Taltempel, der durch einem Aufweg mit der Hauptanlage verbunden war, in der ein großer, zweistufiger Obelisk stand.

Der Altar befand sich im Freien vor dem Obelisken. Viele Provinztempel und kleinere Anlagen folgten im Alten Reich aber noch keinem festen Plan. Auch aus dem Mittleren Reich sind kaum Tempelbauten erhalten, da sie oft in späterer Zeit überbaut wurden. Eine der wenigen noch zum Teil erhaltenen, bzw. rekonstruierbaren Anlagen ist der Totentempel für Mentuhotep in Westtheben aus dem 21. Jh. v. Chr., neben dem Hatshepsuttempel. Wie bei diesem, handelte es sich auch bei Mentuhoteps Tempel um eine Terrassenanlage mit Säulenfronten. Auch die sogenannte "Weiße Kapelle" in Karnak, gestiftet von König Sesostris I. (1971-1926 v. Chr.) ist ein Beispiel für Tempelbau in dieser Periode. Der hauptsächlich verwendete Grundriß zeigt ein rechteckiges Gebäude mit einer kleinen Säulenhalle im Vorderbereich, dem Sanktuar und angrenzenden Kammern im hinteren Bereich. Manchmal war der Säulenhalle auch ein offener Hof voran gestellt. Ab dem Mittleren Reich fanden Reliefs und Inschriften zunehmend Verwendung im Bauschmuck.

Reste des Mentuhotep-Tempels in Deir-el-Bahari.

Rekonstruktion des Mentuhotep-Tempels (Diathek Kunstgesch. Seminar Hamburg)

 

Die Tempelanlage im Neuen Reich

Tempelbau in der 18. Dynastie (Quelle: Prisse d'Avennes: Atlas de l'Art Egyptien, 1868).

 

Wie ab dem Neuen Reich ein Tempel gebaut werden sollte, darüber gibt das "Buch vom Tempel" Auskunft. Im Allgemeinen bestand er aus wenigstens einem Pylon - dem Tor - auf das ein großer offener Hof folgte, der an den Seiten mit Säulen begrenzt war und in den die Gläubigen Zutritt hatten. Eine überdachte Säulenhalle schloß sich an, hinter der sich das Sanktuar und diverse Nebenkammern befanden. Unter dem Boden waren zum Teil Krypten angelegt, und auch auf dem Dach des Tempels befanden sich Kapellen, die am Neujahrstag die Kultbilder aufnahmen. Zum Tempel gehörten auch Schreine für die Heiligen Barken und oft ein sogenanntes "Geburtshaus", das mit den Riten der am jeweiligen Ort gefeierten Götterfamilie und der göttlichen Abkunft des regierenden Königs in Zusammenhang stand. Außerhalb des eigentlichen Tempelareals befanden sich Werkstätten, Getreidespeicher, die Wohnungen der Priester, die Tempelschule, ein Archiv und ein Schatzhaus. Ein "Heiliger See" für die Waschungen der Priester und der Tempelgerätschaften gehörte ebenfalls dazu. Die Innen- und Außenwände der Tempel waren mit farbigen Reliefs und Inschriften versehen, die noch bei der Entdeckung der Bauwerke Ende des 18. und im 19. Jahrhundert weitgehend sichtbar waren und auch heute noch an einigen Plätzen erhalten sind. In den Tempeln standen nicht nur die heute noch dort befindlichen Königsstatuen, sondern viele hundert weitere der verschiedensten Größenordnungen: Stiftungen von Adligen oder im Tempel tätigen Priestern. Man glaubte, dass das "Ka" des Verstorbenen in die ihn darstellende Statue zurück kehren könne und von dort aus wirken, und so stellten diese kleine gesonderte Kultplätze innerhalb des Tempels dar. Auf den Statuen befanden sich Bitten an die Besucher, die dort angebrachten Opferformeln im Namen des Dargestellten zu rezitieren. Manche Statuen, die besonders angesehene Personen darstellten, wurden als "Vermittler" angesehen, ähnlich wie die Heiligen im orthodoxen und katholischen Christentum. Auf der Statue des Amenhotep, Sohn des Hapu in Karnak findet sich die Inschrift "Menschen aus Karnak, die ihr Amun sehen wollt: Kommt zu mir und ich werde Eure Gesuche übermitteln". Bei anderen Statuen fanden sich Pilgerinschriften. Die meisten dieser Statuen stehen heute in Ägyptischen Museen in aller Welt.

Das gesamte Areal des Tempels war von einer Lehmziegelmauer umgeben. Eine Sphingenallee führte in einigen Fällen zum Nil, wo sich die Anlegestellen befanden, oder auch eine Stationskapelle. Zu den Tempeln gehörten Werkstätten und Ländereien, auch in entfernten Gegenden des Reiches. Alle Tempel hatten weiträumige Speichermöglichkeiten für Getreide, das in die Opfergaben floß, und von da in den Unterhalt der Tempelangestellten. Der Kornspeicher des Ramesseums fasste z. B. 226,328 Sack Getreide, etwa 16.522.000 Liter, was gleichbedeutend mit dem jährlichen Unterhalt von 3400 Familien war. Viele Tempelangestellten erhielten mehr Getreide, als sie verbrauchen konnten - diese erreichte dann wiederum die lokalen Märkte. Mit ihrem Bedarf an landwirtschaftlichen Gütern, Stoffen, Gefäßen, aber auch Luxusgütern wie Salben, Schminken und Edelsteinen waren die Tempel ein zentraler Faktor für die florierende Wirtschaft Ägyptens.

Entwicklungen in der Spätzeit und der Ptolemäerzeit

Die traumatischen Erfahrungen während der Fremdherrschaft der Perser und die anschließende Gräzisierung der politischen Elite nach der Eroberung Ägyptens durch Alexander den Großen 332 v. Chr. sorgten dafür, dass der Tempel stärker als zuvor als "kulturelles Volksgedächtnis" aufgefaßt wurde, der die alte ägyptische Kultur vor fremden Einflüssen und dem schlichten Vergessen bewahrt. Dieses Bewahren fand nicht nur im Ritual innerhalb des Tempels, sondern auch im Bauplan ihren Ausdruck, aber auch in der Dekoration der Tempelwände in einer geradezu enzyklopädischen Art und Weise (kosmographische, mythologische, geographische Informationen, aber auch Inventare, Regeln für den Priesterstand), im verstärkten Einsatz kryptographisch-kalligraphischer Inschriften. Der Horustempel von Edfu gilt als beste Realisierung des "Idealplans". Viele Tempel hatten ihre eigenen Entstehungsmythen.

Aus der Ptolemäerzeit ist bekannt, dass sich Gläubige in den spirituellen (und wirtschaftlichen) Schutz von Tempeln begaben und ihnen ihren Besitz überschrieben, wofür sie als Gegenleistung Gebete und sichere Versorgung erhielten. Die Praxis ist dem mittelalterlichen Donatentum ähnlich, bei dem sich die Gläubigen einem bestimmten Kloster "überschrieben", dort in einem Bereich außerhalb der Klausur wohnten und von den Mönchen mit Kleidung, Essen und spirituellen Wohltaten versorgt wurden.

 

Tempel von Philae (Ptolemäerzeit): von Re nach Li.: Eingangspylon, Hof mit Säulengang, Säulenhalle und Sanktuar.

Blick durch den Säulenhof auf die Rückseite des Pylons, Tempel von Edfu (Ptolemäerzeit)

Restaurierte Sphingenalllee in Luxor. Sie verband einst den Tempel von Luxor mit dem ca. 1,2 km entfernten Karnak.

Reste der alten Lehmziegel-Umfassungsmauer in Edfu.

 

Hathor-Tempel von Dendera mit den ursprünglichen Farben, gezeichnet von David Roberts 1838/39.

Rekonstruktion diverser Tempel (Altair4.com - Media)

 

 

Symbolik

DieTempel und die in den Tempeln ablaufenden Kulthandlungen sicherten den Weiterbestand der Welt in ihrem geordneten Lauf und schützten des Heilige Wissen vor Entweihung. Das "Geheimnis" des Heiligen ist Teil der altägyptischen Religion von Anfang an und bis in die griechisch-römischen Ausformungen. Ein Tempel stand am Angelpunkt zwischen diesseitiger und jenseitiger Welt, Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft. Sein Bau und sein Bauschmuck spiegeln die Schöpfung und die geordnete Welt wieder. Bereits die Form des Eingangs erinnert an die Hieroglyphe für "Horizont", dem Platz des Sonnenaufgangs. Die Säulen des Säulensaales mit ihren Papyruskapitellen und ihrer entsprechenden Bemalung stellen einerseits die Schöpfung aus dem Urmeer dar, andererseits die fruchtbaren Nilauen. Die Decke der Tempel wurde mit einem Sternenmuster auf blauem Grund versehen, das den Himmel symbolisierte. Abbildungen geflügelter Sonnenscheiben weisen auf den Lauf der Sonne entlang der Tempelachse von (in den meisten Fällen) Ost nach West hin. In den meisten Tempeln steigt das Bodenniveau zum Allerheiligsten hin an, während sich gleichzeitig die Deckenhöhe verringert. So entsteht letztlich am Schrein der Gottheit ein virtueller Schnittpunkt von unterer (irdischer) und oberer (himmlischer) Achse. Dieses Gefüge musste aber auch von außen, durch entsprechende Verordnungen des Königs beispielsweise, geschützt werden.

Papyruskapitell im Großen Säulensaal von Karnak

Sternendecke im Hatshepsuttempel, West-Theben

Geflügelte Sonnenscheibe mit Kobras am Tempel von Kom-Ombo.

Quellen:

  • Assmann, J.: Das kulturelle Gedächtnis, Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen, München 1992.
  • Nuzzolo, M.: Sun Temples and Kingship in the Ancient Egyptian Kingdom (auf Englisch)
  • Teeter, E.: Religion and Ritual in Ancient Egypt, Cambridge 2011 (auf Englisch)
  • Wilkinson, R. H.: Die Welt der Tempel im Alten Ägypten, Darmstadt 2005.
  • Wuttmann, M., Coulon, L., Gombert, Fl.: An Assemblage of Bronze Statuettes in a Cult Context: The Temple of Ayn Manawir, in: Hill, M.: Gifts for the Gods, 2007, S. 167-173

 

Antike Reisende über die ägyptischen Tempel

Der griechische Philosoph Platon (428/427 v. Chr. - 348/347 v. Chr.) sieht im ägyptischen Tempel das "Normensystem des Schönen" und damit der gesellschaftlichen und politischen Ordnung festgelegt.

Der griechische Historiker und Geograph Strabon (um 63 v. Chr. - 23. n. Chr.) beschreibt die Anlage eines typischen ägyptischen Tempels mit seinen Vorhallen und Sphingenalleen, äußert sich verständnislos über die Standbilder "unvernünftiger Tiere" im Innern. An den Säulenhallen findet Strabon "nichts Wohlgefälliges und Schöngezeichnetes, sondern vielmehr zwecklose Arbeit". (Geographica § 28:Volltext: http://www.chufu.de/Strabon/26-30.htm)

Der Kirchenvater Clemens von Alexandrien, zu dessen Lebzeiten noch die alten Kulte gefeiert wurden (um 150-215 n. Chr.) nimmt den Schmuck und den Reichtum der ägyptischen Tempel zum Anlaß, Prunksucht und auf Äußerliches gerichtete Eitelkeit zu verurteilen, sowie ins Besondere den Schlangen- und Krokodilkult lächerlich zu machen.